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Mit ein bisschen 'Mogelei' in die Wipfel von Mogelsberg

Verantwortlicher Autor: Ronaldo Goldberger Mogelsberg SG, 15.07.2020, 13:08 Uhr
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Die in luftiger Höhe fixierte Plattform des Erlebniswegs in Mogelsberg, Kanton St. Gallen, vom Waldboden aus besehen
Die in luftiger Höhe fixierte Plattform des Erlebniswegs in Mogelsberg, Kanton St. Gallen, vom Waldboden aus besehen  Bild: Ronaldo Goldberger

Mogelsberg SG [ENA] In der Schweiz rührt man eher nicht mit der grossen Kelle an. Man gibt sich bescheiden, pragmatisch, stapelt tief, und zaubert doch kleine, ästhetisch anmutende Wunderwerke in touristisch zu bewirtschaftende Landschaften hinein. 2018 geschah solcherlei in einem kleinen Seitental des Toggenburgs.

Warum die Interessengemeinschaft Holz Toggenburg sich einer dem Reissbrett der Technikhochschule Rapperswil entstandenen Machbarkeitsstudie anzuschliessen vermochte, ist gewiss auch formvoll glücklichen Umständen zu verdanken. Sieben Standorte kamen in Betracht, um einen Walderlebnisweg zu verwirklichen - den ersten in der Schweiz notabene. Dank vorhandener Blockhütte und einem perfekt in begehbarer Hanglage eingebetteten Mischwald - Steinwäldli geheissen -, waren die Voraussetzungen für ein touristisches Vorzeigeprojekt denkbar günstig. Das abseits von Transitachsen gelegene Neckertal mit dem seit 1152 urkundlich erwähnten, bis 2009 als eigenständiger politischen Gemeinde fungierenden Mogelsberg entpuppte sich als reizvolle Destination.

Man organisierte sich genossenschaftlich, suchte und fand etliche grossherzig kleine, aber auch finanzstarke Sponsoren, unter ihnen die St. Galler Kantonalbank, die Schweizer Berghilfe u.v.w.m., bis schliesslich als Skelett für die luftige Plattform 124 Rundholzstützen ins Gelände eingerammt werden konnten. Was sich darüber stülpt, ist kein Disneyland, dafür ein rollstuhlgängiger, filigraner Rundweg von 500 Meter Länge mit so reizvoller voralpiner Hügellandschaft rundherum, dass man sich bemüssigt fühlt, nicht bloss an 30 dreisprachigen Schautafeln, die mittels eingängig formulierter Texte komplexe Zusammenhänge von Wald und Fauna auf den Punkt bringen, innezuhalten, sondern auf allen Seiten die betörende Fernsicht einzusaugen.

Wer die am Horizont lieblich sich gruppierenden Bergspitzen sowie die hingewürfelten Weiler sich namentlich merken möchte, schwenkt mit dem Fernrohr und erhält schauenden Auges sämtliche Informationen in Sekundenschnelle. Faszinierend, wie Häuser im geographischen Mittelpunkt einer Wirtschaftszone eingebettet sind. Der grosszügige Umschwung kollidiert mit keinem unmittelbaren Nachbarn. Wohl ist man allein, doch dank sanft gewellter Tektonik nicht gänzlich unsichtbar. Wenn Kinder oberhalb neckischer Aussparungen balancieren oder Erwachsene vorsichtig sich über ein in den Bohlen versenktes Glasquadrat beugen, um vor 50 m Höhenabfall in die Tiefe zu erschaudern, dann gibt es sogar in beschaulichem Ambiente eine Art gewollter Nervenkitzel.

Jedem touristischen Betrieb wohnte eine Grundidee inne: er will inhaltlich packen, die Besucher zum Konsum animieren, Wertschöpfung generieren dank Qualität, Einzigartigkeit - mitunter im Verbund mit ähnlich gelagerten Unternehmungen, manchmal im synergetischen Sinne wirkend. Mogelsberg steht ein bisschen für sich allein, ist auf weiter Flur ohne grosse Anbindung. Zwar hält auf seinem Bahnhof die Schweizerische Südostbahn, doch muss man zur touristischen Attraktion eine halbe Stunde aufwärts wandern, vom Autoparkplatz aus bloss die Hälfte dieser Zeitspanne.

Auf einer Fläche, die mehr als einem Drittel der Stadt Zürich entspricht, durchfurchen Täler das weitläufige Gebiet. Aber es fehlt allenthalben an Infrastruktur. Zwar kann man kulinarisch da und dort einkehren, das Ortsbild wird als schützenswert ausgewiesen, doch der ehemalige Luftkurort ermangelt der Unterbringungsmöglichkeiten. Früher gab es Ferienhäuschen, sogar ein Sport- und Seminarhotel, doch wurde letzteres, weil erfolglos, nach 25 Betriebsjahren 2009 geschlossen. Dies verschaffte, zumindest ein wichtiger Trost oder Trumpf, in der stillgelegten Tennishalle begehrte Parkplätze für die kurzfristig anreisenden Tagestouristen.

Bleibt man realistisch, kommt der Tagestourist vermutlich bloss einmal hierher, vergnügt sich - und wird Mogelsberg in guter Erinnerung behalten. Die Investition von 15 Franken pro erwachsener Person wird hie und da, v.a. in etlichen Anmerkungen, die auf der amerikanischen Touristikwebsite TripAdvisor hinterlassen wurden, als eher zu hoch eingestuft. Für schweizerische Verhältnisse ist der Eintritt moderat, somit akzeptabel. Wie die Geschäftsleiterin Melanie Anon ausführt, erhalte man sich, heuer im dritten Betriebsjahr stehend (nach einer dreimonatigen Sperre während des Corona-Lockdowns) , primär über die Eintrittspreise. Was dem Betrachter entgeht: 50-60 Leute arbeiten vor und hinter den Kulissen für den genossenschaftlichen Betrieb.

Mogelbergs touristisches Magnet ist absolut besuchenswert, lehrreich, irgendwie sogar sinnlich. Man darf sich einfach nicht beeinträchtigen lassen durch das etwas flunkernd hochgegriffene Prädikat Baumwipfelpfad, denn in Tat und Wahrheit verläuft die Plattform im Vergleich zu ausgewachsenen Bäumen dort, wo beim Menschen vergleichsweise die Gürtellinie zu verorten ist. Wenn man nicht gerade am früheren Vormittag oder kurz vor Feierabend aufkreuzt, kann es schon sein, dass der Pulk anderer Naturbegeisterter gar dicht ist. Wegen der Pandemie ist die Zulassungslimite schneller ausgeschöpft. Im Gegensatz zur Eröffnungssaison, als sonntags bis zu 3000 Besucher tagsüber unterwegs waren, ist es - passend zur pastoralen Landschaft - aktuell ruhiger

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