Samstag, 19.09.2020 22:51 Uhr

Kehrt die marode El Al in den staatlichen Schoss zurück?

Verantwortlicher Autor: Ronaldo Goldberger Tel Aviv, 23.07.2020, 11:08 Uhr
Nachricht/Bericht: +++ Wirtschaft und Finanzen +++ Bericht 4897x gelesen

Tel Aviv [ENA] Die Flotte der El Al steht gesamthaft still, könnte jedoch demnächst von einem privaten Investor zu bedeutsamen Teilen übernommen werden. Der israelische Staat ist drauf und dran, die marode Gesellschaft mit Liquidität zu versorgen. Das 16-jährige Interregnum in privater Hand neigt sich dem Ende zu. Eine orientalische Morgengabe wäre erwünscht, müssen doch 1,1 Mrd. $ Einnahmen ungebrauchter Tickets erstattet werden.

Die Zeichen standen schon lange an der Wand, nicht erst seit dem Ausbruch von Covid-19. Seit der Unterzeichnung des „Open Skies“-Abkommens mit der EU im Jahre 2012, ist der Tourismus nach Israel stark gewachsen. 2019 besuchten 4,55 Mio. Touristen den jüdischen Staat, was ihm Einnahmen in der Höhe von knapp 6 Mia. $ bescherte. El Al mit ihren zuletzt 6’500 Angestellten expandierte in alle Richtungen, übernahm sich jedoch. Die gewerkschaftlich straff organisierten Piloten verdienten für monatlich 70-80-stündige Einsätze ein Heidengeld. Auch die strikten Sicherheitsmassnahmen schlugen arg zu Buche. Nun ist das Ende der Fahnenstange in Sicht. Unklar ist, wann El Al sich wieder in die Lüfte erhebt - so wie es aussieht wohl kaum vor dem Herbst.

Praktisch die gesamte Belegschaft von El Al befindet sich seit 5. Juli im unbezahlten Zwangsurlaub. Am 3. Juli landete ein letzter Frachtflug aus Houston, Texas. Israel war im März, vor Ausbruch der akuten zweiten Welle, einer der ersten Staaten weltweit, der die Grenzen dicht machte. Der internationale Flughafen Ben Gurion ist, wenn man von geringfügigem Land- und Hafenverkehr und dem letztes Jahr eröffneten International Airport Ramon in Eilat am Roten Meer absieht, das grösste und praktisch einzige Einfallstor für ins Gelobte Land strömende Passagiere, somit untrügliches Spiegelbild für die darniederliegende Branche.

Zuletzt war noch eine Hundertschaft von Linien- und Frachtgutpiloten im Einsatz, doch aufgrund von Sonderregelungen hätte die interne Zuteilung für Einsätze nach striktem Senioritätsprinzip erfolgen sollen. Die teuren Piloten verharrten auf ihren verbürgten Rechten, verweigerten aus der Not entstandene Umstrukturierungen, was dazu führte, dass für die verbliebenen Abwicklungen fremde Piloten beigezogen werden mussten. Was Wunder, dass El Al an der Börse massiv an Wert einbüsste. El Al erwirtschaftete im ersten Quartal des laufenden Jahrs ein Defizit von 140 Mio. $ (im Vergleich zu 2019: 55 Mio. $). Der um die Ausstellung eines Darlehens in Höhe von 400 Mio. $ angegangene Staat verweigerte sich diesem Ansinnen.

Rettender Investor

Nun machte sich El Al auf aktive Investorensuche. Man revidierte das ursprüngliche Vorhaben und schlug vor, Aktien im Wert von 150 Mio. $ feilzubieten. Der an der Intakthaltung des El Al-Traditionsunternehmens brennend interessierte Staat möge mit Steuergeldern lediglich das allenfalls nicht einzubringende Kapital zuschiessen und dergestalt erstmals seit 2004 wieder die Kontrolle übernehmen.

Die ausgeheckte Formel dürfte mit dem überraschenden Angebot von 75 Mio. $ Einlagen seitens eines 30-jährigen amerikanisch-israelischen Doppelbürgers namens Eli Rozenberg neu ausdifferenziert werden. Besagter in Jerusalem ansässige Geschäftsmann schlug vor, mittels seiner Firma rund 45% des derzeitigen Aktienkapitals zu übernehmen. Die Besitzerfamilie Borowitsch, welche 38% an der israelischen Fluglinie hält, wäre so übertrumpft.

Sollte der Plan aufgehen, müsste El Al ihre Serviceleistungen tüchtig überdenken und an allen Ecken und Enden abspecken. Eine Ausdünnung des überdehnten Streckennetzes wäre unabdingbar. Nicht ausgelastete Destinationen wie z.B. Manchester, Las Vegas, ja sogar Tokyo müssten entfallen. Und mit der Pilotengewerkschaft, die den Standesdünkel hochstilisierte, wird man ein tragbares Einvernehmen finden müssen, zumal die „Normalsterblichen“ im Betrieb sehr häufig staatliche Lohnergänzung beantragen müssen, um über die Runden zu kommen.

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